Arbeitsbuch
Dienstag, 20. Mai 2008 um 21:06 Uhr

Arbeits – Kalender für den Weinbau 1898

Januar. 
Weinberg:
Wenn im Januar schöne, milde Tage eintreten, so kann mit dem Rebschnitte begonnen werden.
Meistens ist aber dieser Monat kalt, und die Fluren sind mit Schnee bedeckt, so dass die Weinbergsarbeiten ruhen.
Wer Reben-Neuanlagen zu machen hat, benütze diesen Monat zum Roden der betreffenden Grundstücke und führe
diese Arbeit ja recht gut und sorgfältig aus, denn von der guten Durcharbbeitung des  Bodens hängt meistens
das Gedeihen der ganzen Pflanzung ab. In diesem Monat können auch die Ersatzpfähle für den Weinberg gerichtet werden;
dabei ist vor Allein darauf Rücksicht zu nehmen, dass die neuen Pfähle mit einem Imprägniermittel haltbar gemacht werden.
Jetzt werden auch die Anbindweiden gerichtet und in Büschel gebunden.
Keller:
Im Keller kann, bei milden Tagen, das Ablassen der neuen Weine fortgesetzt werden.
Im Januar sind auch alle Weinvorräte abzustechen und neu aufzunehmen, da für jedes geregelte Geschäft
die Inventaraufnahme die Grundlage der Buchführung ist.
Bei niedriger Temperatur erfordern die Rotweine eine vorsichtige Behandlung.
Man sorge für gutes Schliessen der Kellertüren und Kellerfenster. 
Die Temperatur der Keller, in denen Rotweine gelagert werden, sollte nicht unter  + 10° Cels. sinken.
Bei niedrigerer Temperatur trüben sie die Rotweine und verlieren den Farbstoff.

Februar

Weinberg:  Der Februar bringt meist schon milde, oft recht warme Tage, die sich zum Rebschnitte sehr gut eignen,
und vielfach wird im deutschen Weinbaugebiete der Schnitt in diesem Monat schon beendet. Wer junge Reben nachziehen will,
sammle beim Schnitte die bestentwickelten, abfallenden Ruten, um daraus Stecklinge zu schneiden.
Die Stecklinge können in den Abendstunden beim Licht geschnitten werden. Beim Schnitt der Reben ist am alten Holze alle alte,
loshängende Rinde sorgfältig zu entfernen, da die Ritzen dieser loshängenden Rindenteile immer die Ueberwinterrungs Schlupfwinkel für,
dem Weinstocke schädliche Insekten sind. Nach dem Rebschnitte wird in den Rebstücken alles abgeschnittene, zu Stecklingen nicht verwendbare,
Holz aufgelesen, auf Bündel gebunden und aus dein Rebberge entfernt. In holzarmen Gegenden wird dieses Rebholz gewöhnlich als Feuerungmaterial benützt.

Diese Rebholzbündel sollen aber, wenn sie als Brennmaterial dienen sollen, nie lange gelagert werden, da dieselben fast immer eine grosse Zahl von Sauerwurmpuppen beherbergen, die im schönen -Monat Mai ganz lustig ausschlüpfen und als Sauerwurmschmetterlinge dem Weinberge wieder grosse Gefahr bringen.
Also das Rebenschnittabfallholz soll vor Beginn des Monats Mai vom Weinberge entfernt und verbrannt sein. 

Im Februar kann auch wieder Dünger in die Weinberge gebracht werden.
Man lasse den Dünger aber nie auf kleinen Häufchen liegen, sondern breite ihn sofort recht exakt und gleichmässig aus,
da hauptsächlich Stalldünger, wenn solcher auf Häufchen liegen bleibt, viel von seiner Dungkraft verliert.
Keller:
Wenn sich der Januar für Kellerarbeiten nicht gut geeignet hat, so sind jetzt bei milden Tagen die Weine abzulassen. Die Flaschenweinlager können jetzt durch Abfüllen flaschenreif gewordener Weine ergänzt werden. Die Fässer sind fleissig nachzufüllen, da bei niedriger Kellertemperatur der Wein im Fass den kleinsten Raum einnimmt. - An warmen Tagen können die Keller jetzt gelüftet werden.Über Nacht schliesse man die Fenster und Läden wieder sorgfältig.

März

Weinberg:  Der März gehört in unserm deutschen Weinbaugebiete schon zu den Hauptarbeitsmonaten, und wenn auch in manchen Jahren die Witterung vielfach Störung in die Arbeiten bringt, so muss der Winzer doch bestrebt sein, bis zum Ende dieses Monats mit dem Rebschnitt, mit dem Bogenmachen, mit dem Pfählen und Anbinden, sowie auch mit dem Einbringen des Dunges fertig zu sein.
Die Bodenbearbeitung kann bei Rebanlagen, die in gutem Stande und unkrautfrei sind noch hinausgeschoben werden.
Der Schnitt an Spalierwänden und in Gärten wird gewölnlich erst in diesem Monat vorgenommen.
Die den Winter über zum Schutze gegen Frost eingedeckten Reben können gewöhnlich erst in der zweiten Hälfte dieses Monats aufgedeckt werden.
In einzelnen Gegenden wird in diesem Monat schon mit der Anlage von Neupflanzungen begonnen.
Jedenfalls ist es gut, wenn man die zu Neuanlagen  gerodeten Grundstücke jetzt herrichtet und auch die Absteckarbeit vornimmt.
Keller: Die Keller werden jetzt gut gelüftet. Die Fässer von Schimmel und Schmutz gereinigt.
Die Reifen der Fässer werden eingeölt, überhaupt soll der Weinkeller in diesem Monat gründlich sauber gemacht werden. Wer noch neuen Wein abzulassen hat,
der säume jetzt nicht mehr damit, da ein weiteres Liegenlassen auf der Hefe demselben schädlich wird.
Die Keltereinrichtung etc. Pressen, Zuber etc. sind jetzt ebenfalls nachzusehen und reinzumachen.

April

Weinberg:  In den meisten Rebgegenden Deutschlands kann jetzt, des aufkeimenden und rasch wachsenden Unkrautes wegen, mit der ersten Bodenbearbeitung nicht mehr zurückgehalten werden, trotzdem es, wegen der stärkeren Einwirkung der Frühjahrsfröste auf frisch umgegrabene Felder, oft im Interesse des -Winzers läge, den Boden noch mit der festen Winterkruste weiter liegen zu lassen. Für das Fertigstellen von Rebenneuanlagen ist dieser Monat am geeignetsten. Im April beginnt der Weinstock zu treiben, die Augen schwellen an, und auf die Regelmässigkeit in der Entwickelung derselben setzt der Winzer schon seine Hoffnungen.
Keller. Frühzeitig abgelassene Weine können jetzt schon zum zweitenmale abgezogen werden, da durch öfteres Ablassen derselben ein frühes Reifsein eintritt. Wer gern lange jungen Wein hat, der lasse nur wenig ab, oder, weil durch frühzeitigen ersten Ablass die Hauptsache an Hefe entfernt ist, auch gar nicht mehr. Die Keller gehören jetzt, da die Temperatur noch nicht hoch ist, gut, aber nicht zu häufig gelüftet, da durch öfteres Lüften zu viel Wein durch Schwinden verloren geht.

Mai

Weinberg:  Der Wonnemonat bringt für den Winzer wieder viel Weinbergsarbeit und manchmal viel Enttäuschungen. Jetzt beginnen die Reben bei warmer Witterung stark zu treiben, und nachdem die jungen Triebe eine Länge von 1ö-20 cm erreicht haben, soll mit dem Ausbrechen begonnen werden. Gegen Ende des Monats muss mit dein Aufheften begonnen werden. Auch ist, wenn die Witterungsverhältnisse es gestatten, die zweite Bodenbearbeitung, leichtes Hacken mit der Haue, vorzunehmen. Im Mai beginnen schon die Feinde des Weinstockes ihr verderbenbringendes Werk. In den ersten warmen Nächten dieses Monats erscheinen die kleinen Schmetterlinge des Heuwurmes (Heu- und Sauerwurm), schon jetzt muss der Kampf gegen diesen gefährlichen Rebenschädling beginnen. Jetzt müssen auch die Rebspritzen nachgesehen und repariert werden. Es ist für Kupfervitriol und gelöschten Kalk zu sorgen. denn (las erste Bespritzen der Reben mit der Kupferkalkbrühe muss Ende Mai vorgenommen werden. Das Bespritzen der Reben -wirkt vorzüglich gegen alle Blattkrankheiten und man hat auch beobachtet, dass die aufgespritzten Kupferlösungen anregend auf die Blattentwickelung und Blattthätigkeit wirken.

Keller. Bei zur längeren Lagerung eingekellerten Weinen ist vor Allem darauf zu sehen, dass die Fässer spundvoll gehalten werden können, da sich sonst auf der dem Luftzutritt ausgesetzten Oberfläche des Weines Kulmen und auch Essigpflänzchen bilden. Gewöhnlich werden die Weine alle 8--14 Tage nachgefüllt. Eine praktische und einfache Vorrichtung zum Selbstnachfüllen der Weinfässer ist eine mit Wein gefüllte, verkehrt in das Spundloch eingeschobene Flasche, die aber so gut in das Spundloch passen muss, dass dasselbe vollständig abgeschlossen wird. Der Flaschenhals darf nicht in das Fass hineinragen. sondern er muss mit der innern Fläche der Spunddaube eben abschliessen.

Juni

Weinberg:  Im Juni beschränken sich die Weinbergsarbeiten auf das Aufbinden (Heften) der jungen Triebe. Für diese Arbeit ist gute Witterung auszusuchen. Die Traubenblüte fällt in diesem Monat, und nach alten Winzer
Arbeits-Kalender grundsätzen soll während der Blütezeit in den Reben nicht gearbeitet werden. - Vor Eintritt der Blüte ist das erste Spritzen der Rebstöcke gegen die Blattfallkrankheit vorzunehmen.
Keller. Die Weine sind jetzt sorgfältig zu prüfen, und wenn sich irgend eine unregelrechte Beschaffenheit herausstellt, sind entsprechende Massregeln zu treffen. Von den Kellerfenstern ist das Sonnenlicht möglichst abzuhalten, da sonst die Kellertemperatur zu hoch steigt.

Juli
Weinberg:  Im Anfang dieses Monats wird die dritte, Bodenbearbeitung vorgenommen. -Man wähle dazu recht trockenes, sonniges Wetter. Mit dem Aufbinden der Triebe wird fortgefahren. Das zweite Spritzen der Stöcke gegen die Blattfallkrankheit soll Ende Juli ausgeführt werden. In Rebstücken, deren Stöcke in diesem Monate im Wachstum nicht mehr vorwärts wollen, kann man jetzt mit einer Chilisalpeterdüngung (100 Kilo per Hectar) nachhelfen.
Keller. Auch in diesem Monate sind die Kellerfenster vor den Sonnenstrahlen zu schützen. - In kühlen Nächten kann bei warmen Kellern Luft eingelassen werden.
Die Fässer müssen fleissig nachgefüllt werden.

August

Weinberg:  Bei Beginn dieses Monats sollten die Hauptweinbergsarbeiten beendet sein. Ein nochmaliges Nachheften wird vielfach noch nötig sein, auch wird man in unkrauttriebigen Böden noch jäten oder leicht hacken müssen. Ein nochmaliges Bespritzen der Reben mit Kupferkalkmischung ist zu empfehlen.

Keller. Im August sieht der Weinbauer schon ungefähr, was er zum neuen Wein für Fässer braucht und diese sind auch jetzt schon vorzubereiten. Die Keltern und Kellergeräte sind jetzt nachzusehen und etwa Fehlendes ist zu ergänzen.

September

Weinberg:  Jetzt sind die reifenden Trauben vor den zwei-, vier- und vielfüssigen Feinden zu schützen. Einzelne frühe Sorten werden in günstigen fahren und guten Lagen in diesem Monate schon gelesen. Hauptsächlich sind es die zwei Rotweintrauben:
Frühburgunder und Portugieser, die gewöhnlich schon im September ausreifen.
Keller. Wo Frühtraubensorten gebaut werden, wird jetzt der Keller schon Zufuhr von neuem -Wein _ erhalten. Die Gährung tritt in diesem Monat, weil die Tage gewöhnlich noch warm sind; sehr rasch ein und nimmt auch einen raschen Verlauf.

Oktober

Weinberg:  Dieser Monat ist gewöhnlich die Zeit der allgemeinen Weinlese.
Wenn uns „der Winzer Schutzherr Kiliazi etwas Feines bescheert hat" und auch noch ordentlich viel, wie fröhlich sind dann die Gesichter und keine Ernte ist so schön wie die Traubenernte. Die Vornahme der Weinlese erfordert viel Zeit und Sorgfalt, denn von der richtigen Sortierung der Trauben hängt sehr viel ,ab, und doch wird vielfach in Winzerkreisen diesem Sortiergeschäft noch viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Auch in den besten Weinjahren sind die Trauben nicht alle gleich und darum sollte immer bei der. Weinlese genau sortiert werden.

Keller.Wenn jetzt grössere Mengen gährender Weine in den Keller gelegt werden, muss auch wieder mehr gelüftet werden, um die bei der Gährung entstehende Kohlensäure abzuleiten. Um eine vollständige Vergährung der Weine herbeizuführen soll der Gährkeller auf eine gleichmässige Temperatur von 15--20° Cels, gebracht werden.
Regulierbare Kelleröfen sind für die Gährräume unbedingt erforderlich.

November
Weinberg: In Gegenden, in denen die Rieslingtraube ,als Hauptrebsatz gebaut wird, verschiebt sich die Weinlese häufig in diesen --Monat. Anderwärts kann jetzt schon wieder mit dem Düngen begonnen werden.
Keller. Die Gährvorrichtungen auf den Fässern sind genau zu beobachten und, wo nötig, nachzufüllen.

Dezember

Weinberg:  In diesem Monat ruhen die Weinbergsarbeiten gewöhnlich ganz. In einzelnen Gegenden wird an milden Dezembertagen schon wieder mit dem Rebschnitt begonnen.
Keller. Rasch klar werdende neue Weine können in diesem Monat abgelassen werden. 
Frühzeitiges Ablassen bewirkt rascheres Fertigwerden der Weine.